„Der Prozess“ – Derniere in Velbert

Spätestens, als der Busfahrer den Bus selbstbewusst die Serpentinen hinter der Autobahnausfahrt hinunterfährt und mir von den Fliehkräften und der Höhe mulmig wird, falle ich endgültig vom Glauben ab, dass dieses Stück Land weniger als hundert Kilometer von Neuss entfernt liegt. Wir sind in Velbert-Langenberg, im Bergischen Land, zwischen Wuppertal und Essen.

„Der Prozess“ wird heute im Historischen Bürgerhaus Velbert zum letzten Mal gespielt und so machen wir uns auf den Weg dorthin. Es fahren heute sogar fast alle im Bus mit. Anders als sonst, oft kommen die Schauspieler selbst mit ihrem eigenen Auto, wenn es für sie sinnvoller ist.

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Angekommen im Bürgerhaus – wie der Busfahrer den Bus durch diese mittelalterlichen Gassen gelenkt hat, ist mir nach wie vor ein Rätsel – sind wir alle erstmal erschlagen von der Atmosphäre des Saals. Er ist wirklich sehr schön. Kunstvoll bemalte Wände, Holzvertäfelungen an den Seiten und am Rang, Holzfußboden und riesige, kunstvolle Deckenleuchter machen ihn gemütlich und geben ihm die Würde, die einem anregenden Theaterabend angemessen ist und ihn so zu einem perfekten Gesamterlebnis werden lassen kann.

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Bevor es in die Garderobe geht, schauen sich die Darsteller die Bühne an, gehen Wege ab, testen die Akustik des Raums. Der Inspizient prüft währenddessen das Bühenbild, ob alles richtig steht und sicher ist. Das zentrale Bühnenelement des „Prozess“ ist ein weißer Schrank, der vor allen Dingen als Tür und als Trennwand zwischen verschiedenen Räumen in der Inszenierung fungiert. Während der Vorstellung wird er hingelegt und von oben bespielt, während ein Darsteller sich im Schrank befindet. Dafür ist wichtig, dass der Schrank am Anfang mit der richtigen Seite nach vorne steht. Denn er sieht zwar von beiden Seiten gleich aus, hat aber eine verstärkte Seite, auf der die Schauspieler sich dann bewegen dürfen. Sicherheit ist eben wichtig.

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Währenddessen sucht sich Tine, unsere Souffleuse, ihren Platz. Da die Bühne in den Saal hineingeht und damit in dem Sinne keinen Seitenbühnen- oder Portalbereich hat, sitzt sie im Saal und hat dort ihren Platz hinter einer Säule eingerichtet bekommen, sodass man sie trotzdem nur zu Gesicht bekommt, wenn man direkt darauf achtet. Zu ihren normalen Aufgaben bekommt sie heute noch eine weitere: Da auch Platzpatronen leichten Rauch verursachen, können sie empfindlich eingestellte Brandmeldeanlagen auslösen. Durch die historische Bedeutung und den hohen Holzanteil im Historischen Bürgerhaus besitzt dieses eine solche Anlage und somit darf mit der Pistole der Inszenierung nicht wirklich geschossen werden. Stattdessen bekommt Tine eines dieser Holzteile in die Hand gedrückt, die man von Sportlehrern bei den Bundesjungendspielen kennt, die einem durch den vom Holz erzeugten Knall den Startschuss zum Sprint geben. Damit imitiert sie während der Vorstellung den Knall der Pistole – und das wird natürlich vor der Vorstellung ausführlich eingeübt.

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Was mir im Saal auch auffällt, sind die Stühle. Ich weiß, Stühle sind normalerweise nicht sonderlich interessant oder wert, darüber einen Absatz zu schreiben – aber diese hier haben etwas, das ich vorher noch nicht gesehen hatte. In der Rückenlehne ist ein kleiner Bildschirm verbaut. LCD. Kann nicht viel, außer eine Nummer anzuzeigen. Auf Nachfrage durch Tine finden wir heraus: Die Nummerierung der Sitzplätze ist digital gesteuert und wird auf diesen Bildschirmen angezeigt. Außerdem kann man bei besonderen Veranstaltungen die Sitzplätze mit Namen versehen. So weiß jeder, wo er sitzen muss.

Bis zum Beginn der Vorstellung sind jetzt noch eineinhalb Stunden Zeit. Tine und ich gehen in die Stadt, versuchen, irgendwo einen Kaffee zu bekommen. Velberts Stadtteil Langenberg ist sehr idyllisch, wenn auch etwas verschlafen. Die Häuser sind alt, sehr alt. Teilweise schon über vierhundert Jahre. Ich fühle mich an meine Heimatstadt, Meldorf, erinnert. Auch dort ist es so, wie hier. Man läuft durchs Stadtinnere und trifft ab und an mal andere Menschen. Allerdings kann man die auch an einer Hand abzählen. Die Leute dort kennen sich aber, unterhalten und freuen sich, wenn sie sich sehen.

Tine und ich schauen uns gerade die Kirche im Zentrum an, da bleibt ein Mann stehen, so Mitte vierzig , wir haben ihn noch nie gesehen, und erklärt uns die Geschichte von Langenberg. Er hatte natürlich eine super Erklärung, woher die steinernen Köpfe stammen, die nachträglich an die Kirche montiert wurden. Und er erzählt, was es mit den eisernen Umrissen menschlicher Körper auf sich hat, die in der Innenstadt verteilt rumstehen. Tine tut sehr interessiert und ich mache ein Foto – ganz unverschämt.

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Irgendwo in einem Café in einer kleinen Gasse bekommen wir also tatsächlich einen Kaffee und machen uns dann aber auch schon wieder auf den Weg Richtung Bürgerhaus. Eine Stunde vor der Vorstellung ist nämlich Anwesenheitspflicht für alle Mitarbeiter der Produktion.

Als wir ankommen, sind die Schauspieler schon auf der Bühne. Sie tragen Bademäntel, damit das darunterliegende Kostüm nicht zufällig irgendwie schmutzig werden kann. Sie bereiten sich gemeinsam auf die Vorstellung vor, indem sie gemeinsam ausgesuchte Textstellen durchsprechen. So bekommen Sie nochmal ein Gefühl für die Bühne und den Raum, den sie gleich bespielen werden.IMG_2407

Das Ganze geht eine ganze Zeit lang, und vor der Tür sammeln sich schon die Zuschauer, die ungeduldig darauf warten, in den Saal zu dürfen. Auf mehrfaches Drängen der Veranstalterin verlassen die Darsteller letztlich die Bühne und ziehen sich noch für einige Minuten in ihre Garderobe zurück. Die Saaltür wird geöffnet und die Menschen strömen herein. Es sind vor allem Schüler dort. Auch im Bergischen Land scheint Kafka also abiturrelevant zu sein. Daneben   ein paar ältere Leute, wahrscheinlich einfach am Stück interessiert oder sie kennen das Stück bereits. Ich setze mich in den ersten Rang, die Vorstellung beginnt.

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In der Pause gehe ich kurz nach hinten. Schauspieler sind keine zu sehen, sie haben sich wieder in die Garderobe zurückgezogen. Stattdessen sind viele Leute auf der Bühne. Unsere Garderobiere, die das Stück kennt (Der Prozess hat wahnsinnig viele Kostüme und Umzüge) ist verhindert, stattdessen muss eine andere mitfahren. Ute hat dementsprechend Stress, denn sie kennt die Abläufe nicht und hat keine Ahnung, wie die Kostüme zu Beginn und in der Pause einzurichten sind. Dankenswerterweise kommen ihr viele helfende Hände an die Seite. Birgit von der Requisite, Tine und Inspizient Lutz zeigen ihr die richtigen Orte und kümmern sich mit darum, dass alles richtig hängt und liegt. So kann die Vorstellung dann auch zum vorgesehenen Zeitpunkt ganz normal weitergehen.

Kurz vor dem zweiten Teil befinde ich mich noch hinter dem schwarzen Vorhang, der eine Hinterbühne hinter der offenen Bühne schafft. Ich stehe dort mit Hergard Engert, Johanna Freyja Iacono-Sembritzki und Josia Krug und wir machen Fotos. Alle haben, so denke ich zumindest, viel Spaß dabei und ich bin froh, einige coole Fotos zu haben, direkt von der Hinterbühne. Das geht allerdings nur kurz, denn der zweite Teil geht los und ich muss wieder auf den ersten Rang.

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Die Gießkanne, die normalerweise im zweiten Teil die ganze Bühne unter Wasser setzt, wird heute, dem hölzernen Bühnenboden zuliebe, durch eine Sprühflasche ersetzt. Schade, denn dadurch geht mein Lieblingseffekt im Stück, und zwar, dass Josef K.s Onkel von oben begossen wird und es teilnahms- und ausdruckslos hinnimmt, komplett verloren.

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Nach ca. zwei Stunden ist die Vorstellung dann vorbei und es geht, wie gewohnt, schnell. Die letzten Zuschauer sind noch gar nicht aus dem Saal rausgegangen, da werden schon die ersten Bühnenbildteile abmontiert. Die Requisite räumt auf, Ute packt die Kostüme ein, die Technik fährt den LKW vor. Tine gibt an alle, die im Bus mitfahren, die Abfahrtszeit des Busses weiter. Normalerweise wartet er zwar auf uns, wegen der engen Straßen allerdings mussten wir uns zu einem bestimmten Zeitpunkt verabreden. So stehen wir alle noch einige Zeit draußen vor der Tür, unterhalten uns und schauen der Technik beim Einladen des LKW – Lenkstube genannt – zu. Schließlich kommt der Bus und wir können los.

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Ich bin froh, dass es auf der Rückfahrt jetzt dunkel ist. So muss ich mir nicht ansehen, wie wir diese Serpentinen wieder hochfahren. Aber dann sind wir auch wieder auf der Autobahn, Neuss als Ziel.

Zwei Tage später schon werde ich wieder auf Abstecher mitfahren. „Die Jungfrau von Orleans“ – in Bocholt. Keine Ahnung, wo das liegt, aber ich lasse mich mal überraschen.

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