Das Apollo-Theater in Siegen oder die Maske im Techniklager

Kurz vor der Abfahrt scheinen alle gestresst zu sein. Kein Wunder allerdings, immerhin stecken alle entweder in den Endproben oder haben am nächsten Tag Premiere. Im Bus ist es ruhig, Pablo schläft auf der Rückbank und der Rest starrt vor sich hin, hört Musik, liest oder unterhält sich leise. Ich schaue aus dem Fenster auf die trostlose Autobahn und frage mich, ob Berufspendler, die jeden Tag einen Weg über diese karge Straße auf sich nehmen, nicht spätestens nach zwei Wochen depressiv sein müssten.

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt durch die Provinz ist endlich Land in Sicht. Wir sind in Siegen. Den Namen habe ich schonmal gehört, hatte aber keine Ahnung, wo das überhaupt liegt. Überhaupt sind meine Geografiekenntnisse nicht gerade berauschend. Siegen macht auf den ersten Blick einen metropolitären Eindruck. Man hat das Gefühl, aus dem Nichts in der Mitte der Welt gelandet zu sein, wenn man mit dem kleinen, alten Reisebus über eine gigantische Brücke aufs Stadtinnere zufährt. Hoch gelegen steht der Schriftzug „Stadtgalerie“ – oder so ähnlich. Auf jeden Fall wird deutlich, dass es ein Einkaufszentrum ist, dass da so herrschaftlich erhöht über der Stadt thront. Keine zwei Minuten später erblicken wir am Straßenrand ein bekanntes Gesicht. Stefan Schleue ist privat angereist und wartet schon am Seiteneingang des Apollo-Theaters.

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Anders als das Erlanger Theater macht das Apollo in Gießen äußerlich richtig was her. Mitten in der Innenstadt befindet sich der große, moderne Bau mit dem blauen Schriftzug obendrauf. Das Foyer ist modern, aber nicht weniger stilvoll eingerichtet. In schwarz und weiß gehalten, hat es doch seinen ganz eigenen Charme und Glanz. Es gibt ein kleines Foyerabteil mit Bühne für kleinere Veranstaltungen wie z. B. Talkrunden, ein Restaurant und ein Café für die Pause. Der Saal ist groß, bietet je nach Bestuhlung ca. fünfhundert bis sechshundert Besuchern Platz und ist an den Wänden mit geschliffenem und abgerundeten Holz kunstvoll verziert. Erinnert zwar irgendwie an einen Uni-Hörsaal, aber das macht das Ganze auch nicht weniger schön.

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Im Foyer des Apollotheaters hängen Impressionen vergangener Vorstellungen.

Direkt nach unserer Ankunft findet die Bühnenbegehung statt. Gefühlt aus dem Nichts taucht Michael Meichßner auf, der seit dieser Spielzeit fest in unserem Ensemble engagiert ist und – ganz offensichtlich – auch privat angereist ist. Die Schauspieler laufen über die Bühne, sprechen laut und testen dabei die Akustik des Raumes, schreien, singen, tanzen sich warm und stimmen sich auf die Vorstellung ein. Nachdem sie damit fertig sind, gehen alle zusammen ins Theatercafé, denn bis zur ersten Maskenzeit ist noch eine Stunde Zeit.

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Für schnelle Umzüge während der Vorstellung steht auf der Seitenbühne extra ein Kostümschrank bereit.

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Stefan Schleue probiert sich als Regisseur – natürlich nur zum Spaß.

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Hinter der Bühne gibt es derweil ein Problem. Innerhalb von wenigen Minuten müssen während des Stücks mehrere Schauspieler umgezogen und neu geschminkt werden. Problem: Die Garderobe befindet sich weit vom Bühnenraum entfernt in der ersten Etage. So schnell schaffen es die Darsteller nicht, dorthin und rechtzeitig wieder zurück auf die Bühne zu kommen. Also wird improvisiert. Durch eine Tür mit der Seitenbühne verbunden ist das Techniklager, in dem Scheinwerfer und sonstige Utensilien für den technischen Bühnenbetrieb gelagert werden. Hier baut sich Maskenbildnerin Sarah einen improvisierten Schminktisch vor einem kleinen Spiegel auf Rädern auf. Die eisige Kälte in dem Raum wird dabei wissentlich ignoriert und auch die Schauspieler können dagegen nichts ausrichten. Aber die haben auf anderen Abstechern auch schon schlimmeres erlebt als einen kalten Maskenraum.

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Die Behelfsmaske – im Techniklager.
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Die Instrumente und das Equipment des Musikers, der das Stück musikalisch begleitet.

Auf der Seiten- und Hinterbühne bereiten die Garderobieren Pauline und Ute die Umzüge während des Stücks vor. Für jeden Darsteller gibt es einen Stuhl, auf dem seine Kostüme liegen. Außerdem lagern hier während der Vorstellung Wasserflaschen und andere persönliche Gegenstände der Schauspieler. Während der Vorstellung werden Ute und Pauline jederzeit bereitstehen und bei den Umzügen assistieren. Auch die Leiterin der Requisite, Annika, ist während der Vorstellung hinter der Bühne und gibt Requisiten an den richtigen Stellen an die richtigen Leute.

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Ich darf auch mal eines der Kostüme anprobieren.

Lutz, unser Inspizient, lässt sich von einem der Haustechniker das Inspizientenpult erklären, damit er während der Vorstellung den Ablauf reibungslos überblicken und per Funkverbindung mit der Technik und der Künstlergarderobe Signale und Einrufe geben kann.

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Eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn wird es hinter dem Vorhang nochmal richtig voll. Fast alle sind nun da, schon geschminkt und im Kostüm. Und jeder hat offensichtlich seine eigenen Rituale vor der Vorstellung. Einige sprechen sich nochmal leise warm, andere setzen sich einfach auf den Boden und machen nichts und andere unterhalten sich, um ihre Aufregung zu überwinden. Sie gehen ihre Wege ab, machen sich nochmal mit dem Bühnenraum vertraut (hinter dem Bühnenbild ist in Siegen deutlich mehr Platz als bei uns in Neuss) und besprechen letzte Details mit dem Inspizienten und der Technik. Um viertel vor sieben ist Einlass, um sieben beginnt die Vorstellung. „Joseph und seine Brüder“ – eine Inszenierung unserer Intendantin Bettina Jahnke, dauert ca. drei Stunden, deshalb geht es so früh los. Ich habe einen Stuhl auf der Seitenbühne, um die Einblicke und Abläufe hinter der Bühne fotografieren zu können. Eine absolute Weltpremiere für mich – ich wollte schon immer einmal von der Seite bei einer Vorstellung zuschauen.

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Es ist 19 Uhr – Die Vorstellung beginnt.

Im ersten Moment ist das Ganze auch noch furchtbar spannend, man sieht die Schauspieler abgehen, die eben noch auf der Bühne gestanden haben, wie sie sich umziehen und im kalten Maskenraum umschminken lassen. Mit der Zeit wird es eher langweilig, das Bühnenbild ist durch einen Vorhang ringsum abgedeckt, sodass man nichts sieht außer einen kleinen Spalt im Vorhang, durch den die Schauspieler erscheinen und auch wieder verschwinden. Ich setze mich also irgendwann zu Schauspielerin Anna Lisa in die Garderobe. Sie hat jetzt eine Stunde Zeit. Wir trinken Tee, unterhalten uns, und sie konzentriert sich gleichzeitig auf das Geschehen im Stück, denn nach der Pause ist auch sie wieder dran.

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Während der Vorstellung wird den Schauspielern bei den Umzügen assistiert.

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Joachim Berger lässt sich für einen Rollenwechsel eine „falschen Bauch“ umbinden.

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Nach insgesamt drei Stunden ist die Vorstellung zuende. Interessant ist – und das wusste ich bis dato auch noch gar nicht – dass die Applausordnung vom Inspizienten angeleitet wird. Wild gestikulierend und laut über die Bühne rufend ruft er die Schauspieler einzeln, in Gruppen und als ganzes Ensemble auf die Bühne und entscheidet – ein Ohr auf den Applaus fokussiert, ob noch eine weitere Verbeugung drin ist.

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Der Blick in den Zuschauerraum während der Pause.
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Inspizient Lutz hat die Applausordnung voll im Griff.

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Ganz zum Schluss, das Saallicht geht an und die Zuschauer gehen aus dem Saal, bedankt sich Hauptdarsteller Stefan Schleue bei den Technikern des Hauses für ihre Hilfestellungen . Die Schauspieler unterhalten sich noch kurz, verschwinden dann aber recht schnell in der Garderobe, immerhin ist es schon 22 Uhr und wir müssen noch zwei Stunden nachhause fahren. Die Kostümbildnerinnen und die Requisiteurin packen ihre Sachen zusammen und die Technik beginnt direkt im Anschluss an die Vorstellung, das Bühnenbild abzubauen. Auch sie wird noch am selben Abend zurückfahren. Nach einer guten dreiviertel Stunde treffen wir uns alle am Bühneneingang und gehen zusammen zum Bus.

Anders, als beim Abstecher nach Erlangen, herrschte bei diesem Abstecher eine eher professionelle bis angespannte Atmosphäre, die aber durchaus ihre Berechtigung hatte. Trotzdem gab es zwischendurch immer wieder Zeit und Raum für persönliche Gespräche und Begegnungen. Spaß gemacht hat es auf jeden Fall.

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